Behandlung Schwanger
Englisch: treatment during pregnancy
Sollte sich - von Notfällen abgesehen - auf das medizinisch Notwendige beschränken. Ausgenommen davon sind Routineeingriffe, wie Untersuchungen, Zahnsteinentfernungen, professionelle Prophylaxe (PZR) usw.. Bedingt durch die Hormonumstellung, eine veränderte Plaquezusammensetzung und immunologische Lage, nehmen besonders Zahnfleischentzündungen (Schwangerschaftsgingivitis) - mit zwei Spitzenwerten im 5. u. 8. Schwangerschaftsmonat - zu, wobei die Auswirkungen bei schon bestehenden Erkrankungen (Gingivitiden und Parodontiden) besonders groß sind (Gingivahyperplasie). Hier bestehen nachgewiesene Zusammenhänge zwischen einer Parodontitis und einer Frühgeburt, wenn auch die wissenschaftlichen Zusammenhänge noch nicht abschließend geklärt sind (2006). Auch bedingt eine naturbedingte Übelkeit in den ersten Monaten eine nicht mehr optimale Mundhygiene mit der Folge einer Karieszunahme und evtl. sind noch zusätzlich Erosionen durch Erbrochenes zu befürchten. Ebenso tragen kleinere Zwischenmahlzeiten, eine geänderte Nahrungszusammensetzung, eine Verringerung des Speichelflusses und ein erniedrigter pH-Wert zu einer Erhöhung der Kariesanfälligkeit bei. Die veränderten Körperzustände der Schwangeren führen allerdings auch zu Befunden, die nicht krankhaft sind: So sind Werte zwischen 10 und 15 tausend Leukozyten/Mikroliter durchaus als normal anzusehen, wie ebenso die Blutsenkung auf 45 mm/h erhöht sein kann, ohne dass ein Infekt vorliegt. Falls möglich, sollte vor dem Beginn einer Schwangerschaft eine komplette Gebiss-Sanierung erfolgen. Als optimaler Behandlungszeitpunkt gilt das 2. Trimenon (ca. 4.-7. Monat). Vorher birgt die Phase der Organogenese (Befruchtung des Eies bis zur Herausbildung der Organanlagen) erhöhte Gefahren bei der Ausbildung des Ungeborenen, im letzen Schwangerschaftsdrittel ist die Frühgeburtenrate durch den Behandlungsstress erhöht. Die Behandlung selbst sollte ab dem 6. Monat möglichst in einer sitzenden oder nur leicht geneigten, nach links ausgerichteten Lage erfolgen, um dem gefürchteten Vena-cava-Kompressions-Syndrom (Schwindelgefühl und Unwohlsein bis hin zum Kreislaufkollaps) vorzubeugen. Röntgenaufnahmen gelten bei ordnungsgemäßem Strahlenschutz als unbedenklich, da bspw. die Belastung im kritischen Unterleibsbereich bei einer Zahnfilmaufnahme - ohne Strahlenschutz (!) - noch nicht einmal der natürlichen täglichen Strahlenbelastung entspricht. Darum ist die häufig anzutreffende Aversion von Schwangeren gegen ein medizinisch notwendiges Röntgen von Zähnen durch nichts gerechtfertigt - im Gegenteil: Eine dadurch falsch gestellte Diagnose kann zu erheblichen Schäden des Ungeborenen führen. Unter gesundheitsvorbeugenden Aspekten sollten jedoch Röntgenuntersuchungen in der Schwangerschaft - wie auch bei jeder anderen Röntgendiagnostik - nur bei zwingender Indikation durchgeführt werden; dies gilt insbesondere für das 1. Trimenon. Strahlenrisiko, Röntgenstrahlen und Schwangerschaft Zahnärztliche Betäubungen (örtliche Schmerzausschaltung, "Spritze") haben keinen negativen Einfluss, wenn Stoffe mit einer hohen Eiweißbindung (z.B. Articain™, Bupivacain™; eine hohe Eiweißbindung deshalb, weil nur die nicht an ein Protein gebundenen Teile des Medikaments in den kindlichen Kreislauf übertreten können) und ein geringer gefäßverengender Zusatz (z.B. Adrenalin 1:200.000; sollte nicht stärker sein) injiziert werden. Bisher sind keine wissenschaftlich fundierten Berichte über keimschädigende Wirkungen von zahnärztlichen Betäubungsmitteln bei der Behandlung schwangerer Patientinnen bekannt. Wegen des Wehen-auslösenden Effektes ist der in der Zahnheilkunde wenig gebräuchliche gefäßverengende Zusatz Octapressin absolut kontraindiziert Empfehlungen im Sinne eines vorbeugenden Gesundheitsschutzes besagen, dass Amalgamfüllungen während der Schwangerschaft nicht durchgeführt werden sollten, ohne einen stichhaltigen Beweis für diese Behauptung zu liefern. Alternativ können Glasionomerzemente als Langzeitprovisorium angewandt werden ("Amalgam, risk, benefits and the precautionary principle" o. ©: nature-network). Amalgamentfernung Amalgam als Füllungsmaterial sollte generell nicht verwendet werden... es sei denn, der Zahnarzt erachtet eine solche Behandlung wegen der spezifischen medizinischen Erfordernisse bei dem jeweiligen Patienten als zwingend notwendig Bei Medikamenten sollte nur auf bewährte und lange auf dem Markt befindliche Pharmaka zurückgegriffen werden, da eine klinische Testung von Medikamenten bei Schwangeren grundsätzlich verboten ist, es also keine "getesteten Schwangerschaftsmedikamente" gibt. Ein Risiko zu Fehlbildungen besteht besonders innerhalb des 1. Schwangerschaftsdrittel. Medikamente können auch noch in der Spätphase - hier beim Fetus - unerwünschte Nebenwirkungen haben, da dieser wegen einer noch nicht ausgereiften Leber und eines unvollständigen Enzymsystems die Fremdstoffe nur mangelhaft abbauen kann. Dringend abgeraten wird vor einer Selbstmedikation bei Zahnschmerzen, da eine zahnärztliche Schmerzbeseitigung in einer Praxis i.d.R. eine geringere Belastung der Schwangeren verursacht. Tabellarische Übersicht der Medikamente und möglicher Nebenwirkungen © AKZ Schmerzmittel auf Paracetamol-Basis (z.B. "ben-u-ron", "Paracetamol" von versch. Herstellern; Schmerzmittel in der Schwangerschaft - Paracetamol – wann wird’s gefährlich? (zm, 2016)) oder ein NSAR-Präparat (NSAR = nichtsteroidale Antirheumatika, wie z.B. Ibuprofen, Indometacin, Naproxen, Diclofenac, Piroxicam, Meloxicam) haben ausreichende klinische Erfahrung und gelten nach heutigem Kenntnisstand (2011) als akzeptabel (neuere Untersuchungen s.u.). Unbedingt die Beipackzettel beachten! Neuere Untersuchungen zeigen, dass Schwangere und Frauen mit konkretem Kinderwunsch keine nicht-steroidalen Antiphlogistika (NSAR) oder Acetylsalicylsäure (ASS) einnehmen sollten. Diese können besonders zu einem frühen Zeitpunkt der Gravidität das Abort-Risiko dramatisch erhöhen. Epidemiologen fanden eine um 80% erhöhte Abort-Rate, wenn Frauen in der pränatalen Phase NSARs oder ASS eingenommen hatten. Dabei war die Wahrscheinlichkeit einer Fehlgeburt am höchsten, wenn die Einnahme zu einem frühen Zeitpunkt der Schwangerschaft (insbesondere um die Konzeption) oder längerfristig (mehr als eine Woche) stattgefunden hatte. Für Paracetamol konnten die Wissenschaftler hingegen kein assoziiertes Abort-Risiko nachweisen. Sie empfehlen daher im Bedarfsfall die Schmerzen mit Paracetamol zu bekämpfen. Bei Mundspülungen mit einem Chlorhexidinpräparat oder Kamillelösungen ist kein negativer Effekt zu erwarten. Unter den Antibiotika gelten die Penicilline Amoxicillin und Ampicillin, die Chephalosporine und Erythromycin während der gesamten Schwangerschaft als gut verträglich; das Letztere sollte wegen möglicher allergischer Reaktionen beim Säugling nicht mehr in der Stillphase eingesetzt werden. Generell kontraindiziert sind Tetrazykline wegen einer Zahnkeimschädigung (Mineralisationsstörung) und Knochenbildungsdefekten, wie auch das lokal verabreichte Doxycyclin (Atridox™); bis zur 13. Woche kontraindiziert bzw. nur bei strengster Indikation gelten Clindamycin und Metronidazol (auch in lokaler Gel-Form nach Herstellerangaben). Unbedingt die Beipackzettel beachten! Orale Kontrazeptiva (" Pille ") mit einer Kombination von Ethinylestradiol und einem synthetischen Gestagen bieten normalerweise sehr verlässlich Schutz vor ungewollter Schwangerschaft; von Fall zu Fall muss mit einem Versagen dieser Methode gerechnet werden. Zu den Faktoren, die zur Verminderung der kontrazeptiven Sicherheit beitragen können, gehören Interaktionen mit anderen Arzneimitteln. So ist bekannt, dass die Sicherheit der verhütenden Wirkung der Kontrazeptiva durch Einnahme von Tetracyclinen vermindert wird, weil Tetracycline die Aufnahmen der Kontrazeptiva über den Darm verschlechtern. Ebenso können Johanniskrautpräparate, sowie Durchfallerkrankungen die Wirkung der Antibabypille herabsetzen. Retrospektive Untersuchungen über die Versagerquote von Kontrazeptiva unter Einnahme verschiedener Breitband-Antibiotika in dermatologischen Praxen brachten zwar eine leichte, aber nicht signifikante Zunahme von ungewollten Schwangerschaften. 12 Tipps zur Babyzahnpflege, Amalgam, Fluoride: Wirksamkeit verschiedener Applikationsformen, Folsäure, Gingivahyperplasie, Gingivitis, Mineralisationszeiten, Parodontitis und Schwangerschaft, primär-primär-Prophylaxe, Schwangerschaft, Schwangerschaftsepulis, Schwangerschaftsgingivitis, Schwangerschaftskaries, Vorsorgeuntersuchungen für Schwangere und Kinder, Zahnentwicklungsstörungen, Zahnärztliches Assistenzpersonal in der Schwangerschaft Schwangerschaft und Mundgesundheit - Zahnärztliche Diagnostik und Therapie schwangerer Patientinnen (zm, 2020) Special: Schwangerschaft (Fremdlink auf [ZahnWissen]) Medikamente in Schwangerschaft und Stillzeit:; Tabellarische Übersicht der Medikamente und möglicher Nebenwirkungen, © AKZ Schmerzmittel in der Schwangerschaft - Paracetamol – wann wird’s gefährlich? (zm, 2016)