Dentinhaftung
Synonym: Dentinadhäsion, Dentinhaftvermittler, DAR, Dentinkleber · Englisch: adhesive dentin bonding
Historische Weiterentwicklung der Schmelz-Ätz-Technik (Adhäsivtechnik) unter Einbeziehung eines weitaus größeren Zahnhartsubstanz-Anteils. Historie: Seit über 100 Jahren gibt es unzählige Versuche und Empfehlungen zur Bearbeitung und Benetzung von Schmelz- und Dentinoberflächen mit dem Ziel, eine innige und dichte Verbindung zu Restaurationsmaterialien mit dem Zahn zu erhalten (Randschluss). In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde versucht, erste "Dentinklebungen" zu realisieren. Erst seit Anfang bis Mitte der 90er Jahre des letzten Jhds. liegen neue wissenschaftliche Erkenntnisse vor, um ein Totalbonding (einschließlich Dentin, Adhäsivtechnik) in der klinischen Anwendung ("Praxisreife") empfehlen und einsetzen zu können. Bei konventioneller Vorgehensweise (ohne D. oder SÄT) werden nach der Präparation einfache Füllungen als plastische Masse in die aufgebohrten Zähne gestopft, wo sie erhärten und unter den Überhängen des Füllungsrandes ("unter sich gehende Stellen") Halt finden. Eine andere Methode ist das Einzementieren laborgefertigter Füllungen (Inlays). In beiden Fällen kommt es zu keinem innigen Verbund der Füllung mit dem Zahn. Mit Hilfe moderner Adhäsivtechniken gelingt es heute, Füllungen mit entsprechenden Klebern nicht nur am Schmelz, sondern auch an den tieferen Zahnschichten (Dentin) "fugenlos" anzukleben, so dass kein (Rand-)Spalt mehr verbleibt. Durch diese so genannten Dentinadhäsive können Füllungen, Veneers, Teilkronen oder Kronen aus Metall, Kunststoff oder Keramik am Zahn befestigt werden. Dabei wird nicht nur ein Herauslösen verhindert, sondern auch der behandelte Zahn insgesamt stabilisiert. Anatomisch ist grundsätzlich zu beachten: Im Gegensatz zum Schmelz (knapp 90 Volumenprozent) besitzt D. nur einen anorganischen Anteil von etwa 45%. Die flüssigkeitsgefüllten Dentinkanälchen stehen unter einem nach außen gerichteten Druck (~ 25 - 30 mm Hg). Die Fläche, welche die flüssigkeitsgefüllten Kanälchen einnehmen, werden an der der Pulpa mit 22 - 28 % angegeben und nehmen zur Dentin-Schmelzgrenze hin auf 1- 4% ab. Diese Zahlen sind für die Anwendung von Adhäsiven von Bedeutung: tiefere Schichten des Dentins verhalten sich ausgesprochen hydrophil; dies wirkt den hydrophoben Eigenschaften der Adhäsive entgegen. Bedingt durch die Präparation eines Zahnes mit Bohrinstrumenten verbleibt anschließend auf der Oberfläche des Dentins eine sog. " Schmierschicht " welche aus Kollagen- u. Hydroxylapatittrümmern, Dentinliquor u. Odontoblastenfortsätzen, Blut-, Speichel- u. Kühlspraybestandteilen besteht; sie ist mit etwa 2 bis 6 µm langen "Schmierpfropfen" ausgebildet, welche die angeschnittenen Dentinkanälchen verschließen. Prinzipiell lassen sich zwei Arten der chemomikromechanischen Dentinhaftung unterscheiden, basierend auf chemischen und morphologischen Oberflächenanalysen: Erhaltung der Schmierschicht und Imprägnation mit Kunststoff oder Auflösung der Schmierschicht mit vollständiger Entfernung durch Konditionierung oder Wiederausfällung der gelösten Schmierschicht Je nachdem, wie Adhäsivsysteme diese Schmierschicht behandeln, unterscheidet man: Imprägnierung der Schmierschicht; wegen gravierender Mängel, bedingt durch hydrolytische Prozesse (mangelnde Haftfestigkeit, gering und nicht dauerhaft) heute nicht mehr gebräuchlich. vollständige Entfernung, total etch der Schmierschicht; in einem zweiten Schritt wird das eigentliche Adhäsiv aufgetragen (= Mehrflaschensysteme wie z.B. Scotchbond MP). Oder Primer und Adhäsiv werden kombiniert aufgetragen (= Einflaschensysteme wie z.B. Prime&Bond 2.1) Umwandlung der Schmierschichtbestandteile chem. Auflösung der Schmierschicht mit anschließender Umwandlung und Integrierung der Bestandteile in die Haftschicht. Relativ neues Verfahren: Durch Zusätze von milden organischen Säuren (z.B. Maleinsäure) oder saurer Monomere (z.B. PENTA) wird eine Ätzwirkung erzielt, welche - je nach System - auch gleichzeitig als Schmelzätzung dient (z.B. Etch&Prime 3.0 oder Prompt L-Pop). Vorteil dieses Verfahrens ist, dass der Primer nur so tief vordringen kann wie das Dentin entmineralisiert wurde. Für selbstätzende Adhäsive ist es von entscheidender Bedeutung, dass sie sauer genug sind, um auch durch klinisch relevante, ausgeprägte Schmierschichten zu ätzen und im darunter liegenden intakten Dentin zumindest dünne Demineralisationszonen zu bewirken, die gleichzeitig von den Harzen infiltriert werden. Bisher sind nur wenige Untersuchungen darüber vorhanden, wie sich die D. auf den Zahnnerv auswirkt. Bisherige Untersuchungen bestätigen die Vermutung, dass bei direktem Kontakt der Adhäsiv-Materialien mit dem Zahnnerv Pulpenschädigungen auftreten können; eine Verwendung als direktes Überkappungsmaterial wird - bevor größere Langzeitstudien vorliegen - deshalb nicht empfohlen. Da das Standardpräparat bei Überkappungen des Zahnnervs - Calciumhydroxid - säurelöslich ist, muss es immer durch eine Unterfüllung abgedeckt werden. Bisherige Chromosomen-Aberrationsanalysen lassen vermuten, dass Dentinhaftvermittler mit einem gewissen genotoxischen Risiko verbunden sein könnten. Bestimmte Bestandteile der Substanzen wie Acrylate scheinen dafür verantwortlich zu sein. Eine nach dem Legen der Füllung auftretende Überempfindlichkeit des Zahnes, bedingt dadurch, dass die Dentinkanälchen vor dem Einbringen der eigentlichen Füllung nicht richtig verschlossen wurden, klingt meist nach 6 Wochen von selbst ab, da bis dann das Dentin soviel Proteine selbst ausgefällt hat um die Überempfindlichkeit "von innen" heilen zu können. Adhäsivtechnik, C-Faktor, Conditioner, Füllungsmaterialien, Leakage, Liner, Randschluss, Überempfindlichkeit