Zum Hauptinhalt springen

Überempfindliche Zähne

Synonym: Hypersensibilität, Dentinüberempfindlichkeit · Englisch: sensitive teeth, tooth hypersensitivity, dentin hypersentivity, odontohyperesthesia

Aus zahnärztlicher Feder, gepflegt von Dr. Louis Bahlmann, Zahnarzt in KölnStand: Fachlich geprüft von Dr. Louis Bahlmann am

Überempfindliche Zähne sind durch kurze, scharfe und schmerzhafte Zahnnerv-Reaktionen auf äußere Reize (chemisch, physikalisch) gekennzeichnet, die auf freiliegendes Dentin treffen. Die Schwelle für Wärmeschmerzempfinden an der Schmelz-Dentin-Grenze liegt bei 47,7°C und wird bei einem intakten Zahn selten erreicht. Die Schwelle für Kaltschmerzempfinden liegt bei 26,4°C und wird häufig beim Verzehr von Eis unterschritten. Mit einer Prävalenz von 10 bis 20% ist die Dentinüberempfindlichkeit weit verbreitet. Der Schmerz wird durch das Einwirken thermischer, chemischer und taktiler Reize auf das freiliegende Wurzeldentin ausgelöst, wobei ein Kältereiz als besonders unangenehm empfunden wird. Hauptstörzonen sind freiliegende Zahnhälse, abgeschliffene ("abgekaute") Zahnflächen und gelegentlich nach dem Legen von (zahnfarbenen) Füllungen mit der Adhäsiv-Technik. Die Schmerzen können so stark sein, dass die Essgewohnheiten aus Angst vor einer erneuten Reizung eingeschränkt oder bestimmte Speisen gemieden werden. Die Schmerzauslösung ist wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt: Nach der hydrodynamischen Theorie wird die Flüssigkeit ("Dentinliquor") in den Dentinkanälchen (Tubuli) bei freiliegendem Dentin durch äußere Reize in Bewegung versetzt. Dadurch werden die feinen Nervenendigungen des Zahnnervs gereizt und die Empfindlichkeit ausgelöst. Andere Theorien gehen von einer direkten Reizung der Nervenendigungen durch die einwirkenden Substanzen aus. Untersuchungen zeigen, dass "sensibles" Dentin bis zu achtmal mehr offene Dentintubuli an der Dentinoberfläche aufweist als normales Dentin. Der Durchmesser der Tubuli ist doppelt so groß wie bei normalem Dentin, sodass bereits milde Reize einen Anstieg des Flüssigkeitsflusses in den Tubuli und damit eine Schmerzauslösung bewirken können.

Bisher (2011) gibt es noch kein Universalmittel zur Behandlung dieser unangenehmen Empfindungen. Deshalb sollte primär eine Risikominimierung durch Vorbeugung erfolgen: Erosionsprävention durch Einschränkung säurehaltiger Speisen, Abrasionsprävention durch Einübung der richtigen Putztechnik und -häufigkeit sowie zeitliche Abgrenzung der Mundhygiene nach Konsum säurehaltiger Nahrungsmittel und gegebenenfalls Attritionsprävention durch funktionsanalytische Maßnahmen. Zur Behandlung selbst sind verschiedene Mittel im Handel. Bei den Präparaten ("Desensitizern") wird versucht, die Dentinkanälchen zu versiegeln (Adhäsivsysteme), durch Penetration in die Kanälchen eine Präzipitatbildung zu bewirken (Chlorhexidin- und Fluoridlacke) oder eine Ausfällung von Plasmaproteinen zu erzielen (monomerhaltige Primer). Das früher gebräuchliche und gut wirkende Silbernitrat gilt heute als obsolet, da es die berührten Partien irreversibel schwarz verfärbt. Weiter sollen mit der "Burnishing-Methode" aufgebrachte und ins Dentin eingeriebene Mischungen aus Natriumfluorid, Kaolin und Glyzerin ebenfalls die Tubuli verschließen und eine Sekundärdentinbildung anregen. Heute sind Fluorid- (im sauren Bereich) und Strontiumpräparate für den Hausgebrauch als Begleitstoffe von Zahnpasten im Handel. Ebenso wurde (2004) über gute Ergebnisse nach der Anwendung einer 3%igen Kaliumoxalatlösung für 15 Sekunden berichtet. Auch mit Hilfe von Kaugummis, die Kalzium und Phosphat freisetzen, lassen sich die Dentintubuli verschließen und so Hypersensibilitäten wirkungsvoll reduzieren. Moderne Systeme, die nur in Zahnarztpraxen anwendbar sind, versiegeln die freiliegenden Kanälchen mit Methacrylaten (sogenannte "Dentinkleber" wie z.B. Gluma®) oder hochkonzentrierten Fluoriden (Lacke, Gele). Zudem wird über Erfolge mit Laser-Techniken (ER:YAG-Laser) berichtet: Während die konventionellen Desensitizer nach zwei Monaten erheblich an Wirkung verloren hatten, blieb die Wirkung des Lasers auf dem gleichen Niveau wie nach der Behandlung - Langzeitbeobachtungen stehen jedoch noch aus.