lokale Antibiotikazufuhr
Synonym: Lokalantibiotika · Englisch: local antibiotics therapy
Lokale Antibiotikazufuhr bedeutet das Einbringen antibiotisch wirkender Medikamente (Antibiotika, Chemotherapeutika), vor allem in die infizierte Zahnfleischtasche, gelegentlich auch in infizierte Extraktionswunden, Wurzelkanäle oder apikale Prozesse (z. B. mittels Neomycin®). Sinn dieser Therapie ist es, den Wirkstoff lokal – und dies in möglichst hoher Konzentration – an den eigentlichen Entzündungsherd zu bringen und gleichzeitig die negativen Begleiterscheinungen einer systemischen Zufuhr zu vermeiden. Allerdings zeigen vergleichende Untersuchungen, dass die lokale Antibiotikazufuhr allein meist zu keiner Besserung der Erkrankung führt. Vermutet wird, dass das Erreger-Reservoir der gesamten Mundhöhle durch die lokale Anwendung nicht erfasst wird, sodass eine Re-Infektion leichter möglich ist. Hinzu kommt, dass es eine Vielzahl an Studien zur lokalen Antibiotikazufuhr gibt, deren Ergebnisse jedoch widersprüchlich sind. Da gerade die entzündete Zahnfleischtasche einen regen Stoffwechsel aufweist (in einer 5 mm tiefen Tasche wird die Flüssigkeit etwa 40-mal pro Stunde ersetzt), ist eine hohe Substantivität der Substanzen nötig, um eine lang anhaltende, konstante (Depot-)Wirkung zu erzielen. Ebenso ist vorher ein Debridement erforderlich, um den schützenden Biofilm zu zerstören oder zumindest aufzureißen. Insofern ist dieses Vorgehen nur als eine Kombination von mechanischen und chemotherapeutischen Maßnahmen erfolgversprechend. Bei der lokalen Therapie unterscheidet man: Sustained (= nachhaltig) Release Device – lokale subgingivale Medikamententräger, die bis zu 24 Stunden den Wirkstoff abgeben, und Controlled (= gesteuerte) Release Device – lokale subgingivale Medikamententräger, die länger als 24 Stunden den Wirkstoff abgeben. Folgende Methoden sind in der Parodontologie im Einsatz: mit einem Antibiotikum getränkter Faden – feine Fäden (Retraktionsfäden), die im Inneren mit einem Kupferdrähtchen stabilisiert sind, werden mit einem nach Rezeptur hergestellten 25-prozentigen Metronidazol-Gel imprägniert und in die Tasche eingelegt. Dies ist eine preiswerte Variante sonst teurerer Systeme. Chlorhexidin-Chip (s. Abb.) – Handelsname Periochip™; Chlorhexidin (2,5 mg Chlorhexidinbis/Chip) wird mit einem Gelatine-Polykondensat als Trägermittel vermischt und gibt etwa über 7 Tage (ca. 125 µg/ml/Tag) konstant diesen Wirkstoff ab. Gut geeignet für tiefe Zahnfleischtaschen (> 5 mm); kein späteres Entfernen, da die Trägersubstanz abgebaut wird. Gute Erfolge bei einer Langzeitbehandlung der chronischen marginalen Parodontitis. Doxycyclin-Polymer – Handelsname Atridox™. Sogenannte "Pharmako-Mechanische Infektionskontrolle der Parodontitis" = PMIC™. ATRIDOX™ basiert auf ATRIGEL™, dem "Drug Delivery System" von ATRIX Laboratories Inc. Es setzt Doxycyclin am Ort der Infektion kontrolliert frei, in Konzentrationen, die um ein Vielfaches höher sind als die MHK-90 (unterstützende Antibiotikatherapie) für übliche Parodontitiserreger. Die hohe Doxycyclin-Konzentration (10 % Doxycyclin) am Wirkort wird über einen Zeitraum von 7 Tagen aufrechterhalten. Durch den Einsatz von Doxycyclin-Depotpräparaten kann nach Untersuchungen (Jorgensen, M.G. et al.: Initial antimicrobial effect of controlled-release doxycycline in subgingival sites. J Periodont Res 2004; 39; 315-319) keine zusätzliche Reduktion der pathogenen Keime erreicht werden; daher ist der Einsatz sicherer und günstiger Breitspektrum-Antiseptika zu bevorzugen. Subantimikrobielle Dosierung von Doxycyclin (Periostat) – Dieser synthetisch hergestellte Kollagenasehemmer wird über einen längeren Zeitraum eingenommen (Kapsel à 20 mg; 2 x täglich). Vorher muss eine gründliche mechanische Instrumentierung (Reinigung, Politur) der Wurzeloberflächen unter örtlicher Betäubung erfolgen. Einbringen eines Metronidazol-Gels oder einer Minozyklin-Salbe – z. B. Elyzol-Dentalgel™, eine 25 %ige in Glycerin gelöste Metronidazol-Suspension. Applikation mit einer feinen Spritze direkt in die erkrankte Zahnfleischtasche. Dabei nimmt das durch den Körper abbaubare Gel eine halbfeste Konsistenz an und bewirkt eine ausreichende Konzentration des Medikaments bis zu 36 Stunden. Die Behandlung erfolgt zweimal im Abstand von einer Woche. Nach Vertreiberangaben (Colgate-Palmolive) soll Elyzol besonders gegen die "Markerkeime" Porphyromonas gingivalis, Prevotella intermedia, Bacteroides forsythus und Treponema denticola wirksam sein. Hoher Preis – keine Erstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen (nach Herstellerangaben ca. 5,30 €/Zahnfleischtasche). Nicht wirksam gegen den besonders gefährlichen Actinobacillus actinomycetemcomitans. – Minozyklin, ein bakteriostatisches Antibiotikum, hat nur wenig Langzeiterfahrung.