Matratzennaht
Synonym: U-Naht, Rückstichnaht, Donati-Naht, Allgöwer-Naht · Englisch: mattress suture, quilt(ed) suture
Die Matratzennaht ist eine Nahttechnik zum schonenden Zusammenfügen größerer, parallel verlaufender Wundränder. Der Faden wird dabei nicht, wie sonst üblich, über die Wunde geführt, sondern verläuft unterhalb. Auf der Oberfläche liegen nur die seitlich beziehungsweise parallel zum Wundrand verlaufenden Abschnitte sowie der Knoten.
Ihren Namen verdankt die Technik der Steppung von Matratzen, deren Nahtbild dem Fadenverlauf ähnelt. In der zahnärztlichen Chirurgie, der Parodontologie und der Implantologie gehört sie neben der Einzelknopfnaht zu den am häufigsten eingesetzten Verschlusstechniken.
Prinzip
Der Faden durchsticht das Gewebe zweimal auf jeder Seite: einmal in größerem Abstand vom Wundrand und tiefer, einmal in geringerem Abstand und oberflächlicher. Bei der horizontalen Variante geschieht das zweimal in gleicher Tiefe, versetzt entlang der Wunde.
Dadurch entsteht eine breite Fadenschlinge, die den Zug auf eine größere Gewebefläche verteilt, statt ihn punktuell auf den unmittelbaren Wundrand zu richten. Die Wundränder werden nicht nur aneinandergelegt, sondern flächig adaptiert und leicht evertiert, also nach außen gestellt, sodass Bindegewebe auf Bindegewebe zu liegen kommt.
Schemazeichnung, KI-erzeugt und fachlich geprüft von Dr. Louis Bahlmann
Varianten
Horizontale Matratzennaht (U-Naht)
Ein- und Ausstich erfolgen beidseits in gleichem Abstand von etwa 4 bis 8 Millimetern und gleicher Tiefe; anschließend wird der Faden um 5 bis 10 Millimeter parallel zur Wunde versetzt zurückgeführt. In der Aufsicht ergibt sich ein rechteckiges Bild mit zwei oberflächlichen, wundrandparallelen Fadenabschnitten. Sie ist die klassische Entlastungsnaht bei flächigem Wundverschluss, etwa über Membranen oder Augmentaten.
Vertikale Matratzennaht (Rückstichnaht nach Donati)
Nach dem Prinzip „fern-fern, nah-nah": Der erste Stich verläuft tief und weit vom Wundrand entfernt, der zweite oberflächlich und wundrandnah, ein bis zwei Millimeter. Der Knoten wird seitlich der Inzision auf einer Seite gesetzt. Diese Variante adaptiert die Wundränder besonders genau und geht auf den italienischen Chirurgen Mario Donati zurück.
Halbvergrabene vertikale Matratzennaht (nach Allgöwer)
Abwandlung der Donati-Naht, bei der die wundrandnahe Passage auf der Gegenseite innerhalb des Epithels geführt wird und dort nicht austritt. Auf der Lappenseite liegt somit kein Fadenmaterial auf der Oberfläche, ein Vorteil bei durchblutungskritischen oder dünnen Mukoperiostlappen. Benannt nach dem Schweizer Chirurgen Martin Allgöwer.
Gekreuzte Matratzennaht (Kreuznaht)
Über Extraktionsalveolen geführte Variante, bei der sich die oberflächlichen Fadenabschnitte über der Alveole kreuzen. Sie dient weniger dem Wundverschluss als der Sicherung eingebrachter Materialien wie Kollagenkegel, Schwämmchen oder Knochenersatzmaterial, und der Blutungskontrolle.
Durchführung am Beispiel der vertikalen Matratzennaht
- Einstich auf der beweglichen Seite, der Lappenseite, 4 bis 8 Millimeter vom Wundrand entfernt und senkrecht zur Oberfläche.
- Führung der Nadel in die Tiefe, Durchtritt unterhalb des Wundspalts, Ausstich auf der Gegenseite in gleichem Abstand.
- Umspannen der Nadel, erneuter Einstich auf der Gegenseite ein bis zwei Millimeter vom Wundrand entfernt, nun oberflächlich.
- Ausstich auf der Ausgangsseite ebenfalls ein bis zwei Millimeter vom Wundrand entfernt.
- Knüpfen des Knotens seitlich der Inzisionslinie, nie über dem Wundspalt.
- Anziehen nur so weit, dass die Wundränder adaptiert sind und keine Blässe als Zeichen einer Ischämie auftritt.
Wann sie eingesetzt wird
- Lappenoperationen in der Oralchirurgie und der Parodontalchirurgie
- Speicheldichter Verschluss über Augmentaten, Membranen und Weichgewebstransplantaten
- Verschluss nach Sinusbodenelevation, Wurzelspitzenresektion oder Zystektomie
- Wundränder unter Spannung, dünne oder bewegliche Schleimhaut
- Entlastung bereits gesetzter Einzelknopfnähte, als kombinierte Nahttechnik
- Blutungskontrolle und Sicherung von Wundfüllmaterial, bei der gekreuzten Variante
Vorteile
- Der Zug verteilt sich auf eine breite Gewebefläche, die Gefahr des Ausreißens sinkt
- Flächiger, dichter Wundverschluss mit guter Adaptation und Eversion der Ränder
- Kein Fadenmaterial über dem Wundspalt, dadurch weniger Plaqueanlagerung und weniger Reizung an der heilenden Inzision
- Gute Blutstillung durch Kompression des Wundrandbereichs
- Bei der Allgöwer-Variante zusätzliche Schonung der Lappendurchblutung
Nachteile und Risiken
- Bei zu starkem Anziehen Strangulation der Wundränder mit Ischämie und Randnekrose
- Höherer Materialverbrauch und mehr Fadenmenge im Gewebe
- Technisch anspruchsvoller und zeitaufwendiger als die Einzelknopfnaht
- Bei zu langer Liegedauer sichtbare Abdrücke der Fadenschlingen, vor allem außerhalb des Mundes
- Als alleinige Naht ungeeignet bei sehr kurzen oder unregelmäßig verlaufenden Wunden
Praktische Hinweise
Im Mund werden üblicherweise Fadenstärken von 4-0 bis 6-0 verwendet, in der plastischen Parodontalchirurgie auch feiner. Monofile Materialien wie Polyamid oder PTFE lagern weniger Plaque an als geflochtene wie Seide oder Polyglactin. Resorbierbare Fäden ersparen die Entfernung, quellen aber stärker auf. Gebräuchlich sind 3/8-Kreis-Nadeln mit schneidendem oder rückwärtsschneidendem Schliff.
Nicht resorbierbare Nähte werden im Mund in der Regel nach 7 bis 10 Tagen entfernt; über Augmentaten kann eine längere Liegedauer sinnvoll sein.
Häufig wird die Matratzennaht als Entlastungsnaht gesetzt und mit dazwischenliegenden Einzelknopfnähten kombiniert, die die endgültige Feinadaptation der Wundränder übernehmen.
Siehe auch: Naht, Mukoperiostlappen, Periost.